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Vernacular photography

Samtrahmung 1855

Samtrahmung, Kollodiumabzüge um 1855 © Milaneum

Alltagsfotografie – Vernacular photography – Schnappschüsse – Knipser

In unseren Ausstellungen werden Kunst- und Alltagsfotografie aufeinandertreffen. Die anonymen Bildern werden nach ähnlichen Kriterien wie bei Kunstfotografie ausgewählt, darunter Seltenheit, Einfallsreichtum, Thema, emotionaler Impakt oder Enigma. Manchmal ist auch die Ästhetik des “Unperfekten” reizvoll. Oft werden die Fotos aus tausenden Beispielen herausfiltert, um aussergewöhnliche Bilder zu finden, die noch kaum jemand gesehen hat.

Zur Alltagsfotografie zählen Arbeiten von Amateuren, Studios, Automaten, Wander- und Pressefotografen, deren Bilder ohne künstlerische Absicht entstanden sind. Weitere Beispiele sind Schnappschüsse, Familienalben, kommerzielle Portrait- und Produktfotografie, wissenschaftliche Fotografie, Reise und Souvenirbilder, Archivmaterial etc. Im Gegensatz zur Kunstfotografie gibt es auf dem Gebiet noch wenige Experten. Anhaltspunkte sind der Bezug um Sujet und ästhetischer oder dokumentarischer Mehrwert. Hier müssen eigene Sammelkategorien generiert werde. Nicht nur Künstler suchen solche Bilder als Inspiration, auch bekannte Sammler wie John Szarkowski (The Photographer’s Eye, New York: MoMA 1964) oder Thomas Walther gehen diesen Weg. Inzwischen haben sich zahlreiche Ausstellungen diesem Thema gewidmet und das Interesse des Kunstmarkts steigt.

Im Kampf um Anerkennung versuchte sich Kunstfotografen vor 100 Jahren von der “gewöhnlichen Fotografie” abzuheben, heute dient sie der Kunstfotografie und Kunstsammlungen als Inspiration, Antithese und Kontrastpunkt. Künstler nutzen Alltagsfotografie als Informationsquelle, sie überarbeiten und eignen sich an, hinterfragen die Ästhetik, den Inhalt, Nutzen und Verbreitung. Dabei entstehen Arbeiten, die Einfluss, Werte und Status der alltäglich erlebten Fotografien hinterfragen und deren komplexe Bedeutung offenlegen können. Mit diesem gefundenen Material lassen sich verinnerlichte Werte und Strukturen einer Gesellschaft offenbaren und analysieren. Auch die Ausstellungen des Milaneums haben zum Ziel, mit ihren kuratierten Bilderblöcken, Wissen über die Logik dieses Mediums und dessen Kontext zu generieren.

Bild des Monats Juni 2017

Das Spiel der Grossmächte 1916:

Sonderthemen auf Postkarten I:
Kaiser Franz Joseph I. im Zerrspiegel der Propaganda

Geistige Mobilmachung, staatliche Meinungslenkung und mediale Agitation haben
im ersten Weltkrieg (1914–1918) ein bislang unbekanntes Niveau erreicht. Die
Propagandastellen steuern den Informationsfluss und die Zensurmaßnahmen.
Die Kriegspropaganda der Entente-Mächte ist im Vergleich zur k. u. k. Armee sehr
effizient. Der Karikatur kommt hier eine entschiedene Rolle zu. Sie soll die Bevölkerung
für den Krieg mobilisieren, die Moral steigern und Feindbilder schüren.
Die Karikatur erlebt in den Tages-, Wochen- und Satireblättern ihren Höhepunkt
und findet über die Postkarte eine grosse Verbreitung. Diese Bilder sollten den
Soldaten im Feld die Ängste nehmen, als Ventil für Aggressionen fungieren und
als Ablenkung dienen.

Viele Postkarten stammen aus den Jahren 1914/1915, als Italien den Beitritt zu den
Entente-Mächten verhandelte. Der Feind wird als Monster, Untier, Teufel oder
der personifizierte Tod dargestellt. Einige Motive stammen von italienischen
Künstlern wie R. Ventura und Aurelio Bertiglia. Zu den bekanntesten Serie zählt
der 54-teilige “Danza Macabra Europea” (1914-1916) von Martini. Beseelt von
patriotischem Nationalismus, verunglimpfen Gräuelkarikaturen die gegnerischen
Staaten. Der Humor wird zur Waffe. Im Falle Österreichs ist es Kaiser Franz
Joseph, auf den der Hass vom Feind übertragen wird. Gerne wird auf dessen Alter
und Schwäche angespielt.

Die stark zugespitzten Hetzbilder arbeiten mit den Assoziationen des Betrachters.
Trotz verzerrter Grenze zwischen Wahrheit und Trugbild, sind die Zeichnungen interessant,
weil sie den Erregungszustand einer Generation visualisieren. Sie sind
ein Desiderat für ikonographische und semiotische Untersuchungen. Kaiser Franz
Joseph, der mit einer Regentschaftsperiode von 68 Jahre, noch heute Symbol der
k.u.k. Monarchie ist, hat sich Zeit seines Lebens gesetzlich davor schützen lassen,
lächerlich gemacht zu werden. Daher sind Karikaturen über ihn selten, zumindest
in Österreich.

Ausstellungsdauer: Mai-August 2017, Öffnungszeiten Freitag 15-18:00, nach Vereinbarung,
Spiegelgasse 23, 0664 8758016, 1010 Wien, http://www.milaneum.com